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Unterbauchschmerzen: Sechs Uni-Experten gaben Rat

Gießen (if). Sonographie, Coloskopie, Laparaskopie, vom Hausarzt zu den Spezialisten, und nicht nur einmal wegen heftiger Bauchschmerzen mit Blaulicht ins Krankenhaus - so schilderte sie ihre Odyssee. Schließlich ging sie ins Internet. »Bitte helft mir!«, fleht sie dort. »Was ist nur mit mir los?«. In Gießen hätte am Mittwochabend »Sternchen«, wie sie sich nennt, ein halbes Dutzend Experten zu ihren rätselhaften Beschwerden direkt befragen können.

Gießen Auf Einladung des Zentrums für Frauenheilkunde und Geburtshilfe gingen, eingeführt durch Prof. Hans-Rudolf Tinneberg und moderiert von Oberarzt Dr. Andreas Hackethal, sechs Experten aus der Gießener Gynäkologie, der Urologie und der Chirurgie zusammen mit dem Leiter der Klinik für Psychosomatik, Prof. Johannes Kruse, vor Laien und Ärzten auf chronische, schmerzhafte Unterbauchbeschwerden ein. Darüber klagen nicht nur oft sehr junge Mädchen - häufig im Zusammenhang mit der Regelblutung -, sondern auch ältere Frauen.

Als Schmerzursachen kommen neben Verengungen (Zervikalstenosen) und Zysten entzündliche Unterleibserkrankungen, Myome sowie Aussackungen der Beckenvenen in Frage. Verwachsungen zwischen Organen oder Geweben im Unterleib - vielfach nach Entzündungen, aber auch nach chirurgischen Eingriffen- spielen eine zusätzliche Rolle. Wie Oberarzt Dr. Frank Oehmke berichtete, fanden sich bei erforderlich gewordenen Entfernungen der Gebärmutter in acht von zehn Fällen Myome- die Hälfte davon war bis dahin unbekannt. Als besonders verhängnisvoll erweist sich jedoch die Endometriose: zwar gutartig aber höchst komplex, entziehen sich deren verstreute Absiedlungen von Gebärmutterscheimhaut selbst konventionellen Spiegelungen der Bauchhöhle. Bei 40 000 geschätzten Neuerkrankungen jährlich handelt es sich dabei um die die zweithäufigste Erkrankung der Frau im gebärfähigen Alter. Oehmke: »Abgesehen davon, dass es keine Standardbehandlung gibt, stellen die Dauer von durchschnittlichen sechs Jahren bis zur Diagnose und die womöglich erforderliche Gebärmuterentfernung ein Hauptproblem dar«.

Nicht nur bei Frauen steht zuweilen auch eine »slow-transit Obstipation« - manchmal auf einem Kaliummangel beruhend -, im Hintergrund der Unterbauchbeschwerden. In Gießen bieten die Chirurgen - so Chirurgie-Oberarzt Dr. Thilo Schwandner - ein Elektrostimulationsverfahren an, mit dem über eine Art implantierten »Schrittmacher« Stuhlentleerungsstörungen durch die neuromuskuläre Aktivierung des Beckenbodens in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Neurologen und der Psychosomatik angegangen werden. »Falls die vorangegangene »Testphase« positiv verläuft, profitierten 80 Prozent der Patienten davon«.

Auf Schmerzen, die auf Blasen- und Harnwegsinfekten beruhen, ging aus Sicht des Urologen Prof. Florian Wagenlehner ein: Bakterielle Entzündungen können dafür verantwortlich sein. Die Harnblase lässt sich dann beispielsweise spülen. Bei schwersten Formen, bei denen es zu einer »Schrumpfblase« gekommen ist, kann eine Ersatzblase aus Darmgewebe angelegt werden. Ist es der Beckenboden, der bei der Schmerzentstehung eine Rolle spielt, können die Urologen mit rekonstruierenden Operationen eingreifen.

Die »schützende Funktion« des Schmerzes selbst aber auch das Risiko seiner Chronifizierung hob Johannes Kruse vor: »Beim Umgang mit dem Schmerz«, so betonte der Direktor der Psychosomatischen Klinik, »müssen Arzt und Patient kooperieren.«

Das Gießener Zentrum für Frauenheilkunde und Geburtshilfe ist bekannt dafür, dass es sich keineswegs vor Fragen nach Möglichkeiten der komplementären und alternativen Medizin scheut. Prof. Münstedt, Autor einer vielbeachteten Veröffentlichung zu diesem Thema, beklagte an diesem Abend allerdings die unzureichende Datenlage.

Nach der Erwähnung von Kiefern-Extrakt, der bei Unterbauchbeschwerden von Frauen zwischen 18 und 48 zu einem messbar geringeren Verbrauch von Schmerzmitteln führte, dem Hinweis auf Pfefferminze und deren beobachtete günstige Wirkung beim Reizdarmsymptom sowie die von Cranberries bei Harnwegsinfekten, gelangten die Teilnehmer der Veranstaltung zusammen mit Moderator Dr. Hackethal zu dem eher augenzwinkernden Schluss: »Alles, was nicht schadet, ist gut (so lange es sich der Patient leisten kann)«: Sozusagen die richtige Einstimmung für einen abschließenden lebhaften Erfahrungsaustausch zwischen Hörern und Referenten im Foyer.

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